Nach einer ruhigen Nacht im Pilgerzimmer geht es heute los auf den Weg. Der Rucksack und ich müssen uns noch ein bisschen aneinander gewöhnen. Obwohl ich extrem minimalistisch gepackt habe und sich jedes Kleidungsstück für seine Mitnahme rechtfertigen musste, habe ich noch nicht das Gefühl, ein Leichtgewicht dabei zu haben. Erfahrungsgemäß kommt das aber noch. Jeden Tag, wenn die zwei Liter Wasser ausgetrunken sind, und am Ende der Reise, wenn der Riegel-Vorrat abgebaut ist. Zum ersten Mal dabei ist mein neuer Ultra Lightweight Schlafsack – es gibt diesmal nicht in allen Unterkünften Bettwäsche und was wäre das Pilgern, wenn man sich vorher nicht noch etwas Ausrüstung kaufen müsste? Die erste Nacht habe ich jedenfalls gut darin geschlafen.

Wir starten dieses Jahr auch mit anderen Schuhen. Aufgrund des leichten Terrains haben wir uns für Trekking-Halbschuhe entschieden, von denen wir uns eine deutliche Reduzierung des Hitzestaus im Fuß erhoffen – und damit eine effektive Prävention der berüchtigten Pilgerkrätze, die mich in Italien und Portugal lange begleitet hat.

Die heutige Etappe hat eine gute Einstiegslänge von 16 km ohne größere Herausforderungen. Es geht zunächst aus Eisenach raus und dann lange an einem Radweg entlang, der uns schließlich nach Creuzburg führt. Hier kommen mir viele Erinnerungen an ein Wochenende, das wir hier verbrachten, nachdem ich vor zwei Jahren einen Breakdown hatte. Ich bin sehr dankbar, dass ich von den letzten Monaten an der Arbeit zwar extrem urlaubsreif bin, aber dennoch fit und stabil hier lang laufen kann.

Nach einer kleinen Mittagspause erreichen wir Creuzburg schon gegen 14 Uhr zur perfekten Kaffeezeit. Leider haben an diesem Montag fast alle Restaurants im Ort geschlossen (alleine das Best Kebab House gewährleistet die Versorgung im Ort), wegen Ferien, Ruhetag oder Personalmangel. Wir landen schließlich in einem kleinen, ehrenamtlich geführten Café neben der Kirche, in dem Senior*innen neben dem Kartenspielen selbst gebackte Muffins und Kaffee gegen Spende anbieten. Pilgern ist auch: annehmen, was kommt. Wir werden sehr herzlich umsorgt, genießen die Zeit im Café und können schließlich den ganzen Nachmittag zur Regeneration nutzen.

Ein Blick auf die Wettervorhersage zeigt für die nächsten zwei Tage nichts Gutes. Übermorgen stehen die Chancen auf einen regenfreien Moment sehr schlecht, es soll den ganzen Tag schauern und gewittern. Außer meiner Regenjacke habe ich keinen Regenschutz dabei, da ich diesbezügliche Vorhersagen wohl nicht so ganz wahrhaben wollte. Christiane ist ähnlich ausgerüstet und so beschließen wir zu schauen, ob es im kleinen Supermarkt im Ort vielleicht einen Regenschirm gibt – auch wenn wir zuhause wirklich genug davon haben, wir hätten sie nur einpacken müssen.
Direkt neben dem Eingang steht in der Gemüseabteilung tatsächlich ein Aufsteller mit Regenschirmen in unterschiedlichen Größen, auch im handlich-leichten Pilgerformat – wahrlich ein Zeichen. Mit etwas schlechtem Gewissen nehmen wir zwei Schirme mit, die sich nächste Woche in der Hitze sicherlich auch als Sonnenschirme nützlich machen können. Pilgern ist eben auch: die kleinen Zeichen wahrnehmen, auch wenn man vorher die eindeutigen Vorhersagen willentlich ignoriert hat.
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