Kurz von dem CSD in Wetzlar ein Post auf Instagram im Namen der Queer Church: Wir freuen uns sehr darauf, wieder beim CSD Mittelhessen dabei zu sein. Aufgrund der angekündigten Gegendemos ist es besser, nicht allein hinzufahren – meldet euch, dann fahren wir gemeinsam.
Als ich den Post lese, fallen mir Sätze aus einem Vortrag von Carolin Emcke ein[1]: Unsere Geschichte, die Geschichte der queeren Community, erzähle nicht nur von Schmerz und Gewalt. Sie sei immer auch eine Erzählung von Care, von Solidarität, des sich umeinander Sorgens. Davon Dinge zu Verwandeln und Räume zu schaffen. Dies sei ein Reichtum, eine Quelle, aus der wir, aus der alle schöpfen könnten.
Zwar mache ich mich schließlich allein auf den Weg nach Wetzlar, erlebe aber bei diesem CSD, den ich mit der Queer Church verbringe, wie etwas von diesem historischen Erbe im Hier und Jetzt lebendig wird – und wieviel Kraft und queer joy darin liegt, offene Räume zu betreten.
Mich auf dem CSD nicht nur in der queeren Community wiederzufinden, sondern auch in der Gemeinschaft der Kirche, macht mich ein wenig stolz – und es berührt mich tief.
Queeren Space in der Kirche habe ich als etwas kennen gelernt, dass es blind zu ertasten galt, in der Hoffnung, dass jemand das Licht an macht. Die Queer Church hat dagegen eine ganze Festbeleuchtung angeschaltet. Ich bin berührt, weil Kirche hier Wandlung und Erneuerung erfahrbar macht. Weil sie einen einladenden Raum geschaffen hat, in dem ich mich als queerer Mensch vollständig fühle, in dem Queersein kein Nebengeräusch ist, sondern mit seinen Sorgen und seiner Freude einen Platz hat. Und schließlich auch, weil Kirche sich öffentlich positioniert, an diesem Tag mit einer mutigen Rede auf der Kundgebung der Demo. Sichtbar, hörbar, ganz in Sinne des CSD Mottos Nie wieder still.

Sichtbar ist auch das Banner, welches die Queer Church durch die Wetzlarer Innenstadt trägt mit der Aufschrift »Gott feiert queer«. Es ist ein Satz, der mich immer wieder antippt und ab und zu ins Stocken bringt. Nicht nur, weil er so herrlich über-mutig ist, sondern weil er eine machtvolle Ansage macht an eine gesellschaftliche Rhetorik, die mir seit langem gut vertraut ist.
Es ist die Rhetorik des Trotzdems und des Abers aus Sätzen wie: Du bist queer und trotzdem geliebt. Mein Cousin ist auch schwul, aber den mag ich echt gerne. Eine Rhetorik, die vermeintlich positiv daher kommt, doch in Wahrheit eine defizitäre Aussage in sich trägt.
»Gott feiert queer« lässt den Trotzdems und den Abers keinen Raum mehr. Es ist eine 150-prozentige Zusage, die jegliches Defizit auszugleichen sucht und jeden Zweifel ersticken lässt, jedes Gefühl, Queersein sei irgendeine Art von Bug, unvollständig, fehlerhaft. Es ist ein Feature, das keiner weiteren Legitimation bedarf. Und als solches wird es nicht nur toleriert, akzeptiert, sondern gefeiert. Im Zweifel: auch bevor oder gar ohne, dass ich es selbst tue. Unausweichlich, nicht in meiner Hand.
Ich bin sehr dankbar, dass das “Feiern” auf den CSDs bei uns möglich ist und an vielen Stellen einen so lebhaften Ausdruck bekommt. Die gegenseitige Sorge füreinander als kraftvoller Gegenspieler der Angst gewinnt aber an Bedeutung. Viele sagen, es habe lange nicht mehr so viel Mut gebraucht, um für die Rechte queerer Menschen auf die Straße zu gehen. Das Feature der Demokratie auszuhalten, die Meinungsfreiheit auch der „anderen“, die immer wieder in diesem Sommer kippt und in Gewalt umschlägt.
In Wetzlar haben sich nicht nur die Rechten angekündigt, auch einige christliche Fundamentalist*innen stehen am Rande des Demo-Zugs. Freudlos halten sie Plakate in die Höhe, auf denen auf eine postmortale Gerichtsbarkeit hingewiesen wird – allerdings fehlt den Plakaten eine klare Aussage, ob dort über die Liebe oder die Engstirnigkeit verhandelt werden wird.
Unsere Gott-feiert-queer-Rufe werden vom Straßenrand aus relativ einfallslos gekontert: Gott feiere queer nicht. Mir fallen in diesem Moment die eindringlichen Worte ein, die sich Bodo Wartke rausnimmt, Gott in den Mund zu legen, sie puzzeln sich unter der Melodie in meinem Kopf zusammen[2]:
Wenn ich ein Gott wär’ von irgendeiner traditionsreichen, populären Weltreligion,
von welcher Religion ist dabei völlig egal.
dann hätt‘ ich was zu sagen, das geht euch alle an,
denn ihr habt da etwas Wesentliches missverstanden
und das bereits zum wiederholten Mal.
Wenn ihr Homosexuelle zusammenschlagt,
sie beschimpft und durch die Straßen jagt,
weil sie wagten einander öffentlich zu umarmen,
dann handelt ihr damit nicht in meinem Namen!
Wenn ihr verachtet und zerstört, was ich erschuf,
dann will ich nicht, dass ihr euch auf mich beruft,
denn ihr handelt nicht in meinem Namen.
Shalom, Inschallah, Amen.
Zur Website der Queer Church Gießen

[1] Carolin Emcke: Queer Leben – eine Intervention. Re:publica 2024 https://youtu.be/bMCoIE6mAao?t=2206
[2] Bodo Wartke – Nicht in meinem Namen. https://youtu.be/1hBVqgxA_Cg?feature=shared