StartZielkm
Kathedrale PortoLabruge26
1. Etappe

Vielleicht war es vermessen zu denken, ich könnte einfach mit 12 kg auf dem Rücken 25 km die Strandpromenade entlang spazieren und es würde es mir nichts ausmachen. Für heute bin ich platt, der Camino hat gewonnen.

Unser Weg startet heute früh in Richtung Frühstückslokal, welches leider nicht zur erwarteten Zeit geöffnet hat. Wir sind zeitlich noch nicht ganz im Einklang mit Portugal, aber wir nutzen die halbe Stunde, um uns unseren ersten Stempel für unseren Pilgerpass zu holen. An der Tourist Info direkt neben der Kathedrale müssen wir zwar auch noch kurz warten, erhalten dann aber unseren Stempel, da wir zum Glück schon einen Pass, also einen Credencial, besitzen. Der Pilger vor uns möchte eben jenes hochoffizielle Dokument der monopolistischen Pilgerorganisation erwerben, die Dame hinter dem Tresen sagte aber, diesen könne er nur in der Kathedrale kaufen, die erst um 11 Uhr aufmache, Credencial-Verkauf heute jedoch ungewiss, Ostern. Der Pilger faucht die Dame zornig und verzweifelt an, dass er dann jetzt seinen Camino nicht machen könne.

Von der Zwielichtigkeit des Credencial hatten wir zum Glück schon in unserem Pilgerführer gelesen. Wer in diesem Pass täglich zwei Stempel sammelt, damit nachweist, die letzten 100 km zu Fuß gepilgert zu sein und zudem angibt, das ganze aus religiösen Gründen getan zu haben, erhält in Santiago die Compestela, eine Art katholisches Leistungszeugnis. Es gibt wohl auch andere Stellen, zum Beispiel franziskanische, die ein Compostela-ähnliches Souvenir auch ohne den Nachweis erbrachter Leistungen aushändigt. Dies haben wir uns nun zum Ziel gesetzt und uns somit von der Stempelpflicht entbunden.

Der echauffierte Pilger informiert andere wartende dann gleich über die Sachlage mit dem Credencial, man sei wohl gerade zufällig an einem der höchsten Feiertage hier, deshalb kein Passerwerb. Wir hoffen, er konnte seinen Weg trotzdem finden.

Während unseres Osterfrühstücks sehen wir zahlreiche Pilger die Straße entlang marschieren, lassen uns aber nicht aus der Ruhe bringen und brechen schließlich gegen viertel nach zehn auf. Es geht zunächst am Duro entlang bis zur Mündung, dann fast zwanzig Kilometer an der wunderschönen Küste gen Norden.

Die ersten Stunden sind ganz wie Urlaub, zwischen den flanierenden Menschen auf der Strandpromenade, eine Mittagspause zwischen den Felsen in der Brandung, traumhaft. Dazu Frühlingswetter, kurze Hosen und T-Shirt, ein Traum nach dem langen Winter zuhause.

Die urbane Umgebung des Tages lockt uns aber in eine kleine Falle. Da wir denken, bestimmt überall etwas zu essen zu bekommen, decken wir uns nicht mit Proviant ein. Das Mittagessen wird daher in Form eines Proteinriegels gereicht, der Ostersnack zum Kaffee entstammt leider nicht einer der tollen Bäckereien, die am Nachmittag geschlossen haben. Ein Abendessen erhalten wir – sehr dankbar – in der einzige geöffneten Bar des Orts. Manchmal ist es vielleicht doch auch nicht schlecht, sich vorausschauend ein wenig um sich zu kümmern.

Bis zum Abendessen ist es ein weiter Weg. Der führt über einen sehr schönen, aber nicht enden wollenden Holzsteg durch die Dünen. Mit der Zeit steigt die Zahl der schmerzenden Körperteile spürbar an. Habe ich wirklich gelaubt, ich mache das alles, einfach so, und mein Körper bekommt das nicht mit? Ein fürsorglicheres Eincremen meiner Füße im Vorfeld wäre hier das Mindeste gewesen.

Vielleicht ist das ein sinnvoller Impuls, den mir meine Füße heute gesendet haben – ein bisschen Selbstfürsorge einfordern, um den Herausforderungen gewachsenen zu sein – im Alltag wie auf dem Camino.

Viel Energie für eine tiefe Kontemplation des Gedankens bleibt mir heute aber nicht mehr. Ich schleppe mich am Ende zu unserer Unterkunft, mit einem leicht verstörten Gang, aber glücklich. Und nun bin ich auf den anstehenden Regenerationfähigkeitstest gespannt.