Eine Opernproduktion ist für mich manchmal ein wenig wie eine Liebesgeschichte.

Am Anfang steht da nur ein Name, mal ein ganz unbekannter, mal haben wir schon etwas voneinander gehört. Doch das Kennenlernen beginnt meist recht unromantisch – erstmal abchecken, ob wir die gleiche Sprache sprechen, Texte runterrattern, damit sie in meinem Kopf hängen bleiben. Deine Musik weckt in mir meist die ersten zarten Emotionen: Ich möchte dich wiedersehen. (Und wenn sie es nicht tut: Wir können ja Freunde bleiben.)

Und wir sehen uns wieder, mehrmals die Woche. Wir lernen uns besser kennen, kommen uns näher, begegnen uns in Szenen, die immer ausgereifter werden, immer konkreter. Du gibst Einblicke in deine Seele, deine tiefen Emotionen, wenn auch nur in Ausschnitten, in kurzen Bildern, die immer wieder unterbrochen werden von Ansagen, Korrekturen, Pausen, und die noch so roh sind, ungehobelt, nur mit einer Skizze der orchestralen Musik untermalt. Mit der Zeit werden sie immer runder, glanzvoller, vollkommener.

Irgendwann passiert es dann – es funkt zwischen uns, ich lasse mich von deinen Emotionen durchdringen, begeistern, tragen, mitreißen. Ich rausche durch die Abende, die ich mit dir verbringen darf. Bei aller Euphorie sind sie aber auch: Arbeit. Konzentration. Aufmerksamkeit. Dennoch lassen sie mich für ein paar Stunden die Welt vergessen, in der ich eigentlich meinen Arbeitstag verbringe.

Ich tauche immer tiefer in deine Welt ein, die immer konkreter, immer klarer und intensiver wird. Mit der Vertrautheit kommt aber auch die Ahnung, dass unsere Begegnung endlich ist.

Dann sind die Endproben. Wir sehen uns täglich, und wenn ich nicht so begeistert von dir wäre, wären es lange, anstrengende Tage. Du offenbarst nun fast vollkommen deinen Charakter. Der besteht nicht nur aus deiner Musik, die es auch aus der Konserve gibt, sondern aus einem einmaligen atmosphärischen Raum mit seinen ganz eigenen Farben, Stimmungen, haptischen Eindrücken von Requisiten und Kostümen, von bestimmten Stoffen auf der Haut oder Schuhen an den Füßen.

Vielleicht gehören zu dir der Sound von knirschendem Crashglas unter den Schuhen, der Geruch von Trockeneisnebel oder das Gefühl der Pailleten, wenn meine Finger über mein Kostüm gleiten. Die düstere Lichtstimmung, das Torkeln auf der Drehbühne, ein Sound der Banda, die über mir aus dem Lautsprecher tönt und direkt mein Herz trifft. So hast du dich mir in den letzten Wochen in Verdis La Traviata gezeigt, all deinen Charme hast du spielen lassen.

Und dann, endlich, verbringen wir die Nacht zusammen – bzw. den Premierenabend. Der manchmal so lange, anstrengende, aber auch so faszinierende Prozess, den wir hinter uns haben, verwandelt sich in der Spannung des Abends in einen großen Glücksrausch, der im Premierenapplaus seinen Höhepunkt findet. Die Welt drum rum steht für einen Moment still, es gibt nur uns – dich, mich, und alle, die zu dir gehören – im Licht der Scheinwerfer, immer noch konzentriert, aber in meiner Seele völlig losgelöst.

Danach wird alles anders sein. Mit dem Premierenabend endet unser gemeinsamer Prozess. Du hast dich mit allem gezeigt, was du in dir hast. Du hast mich auf das tiefste berührt und bereichert. Wir werden uns noch ein paar Mal wiedersehen, und bei jeder Vorstellung werde ich die Nähe zu dir genießen, jeden Moment, der mir noch mit dir bleibt, denn die Zeit mit dir ist kostbar und flüchtig. Und dann, wenn du abgespielt bist, trennen wir uns. In Liebe.

Aber etwas von dir wird für immer in mir bleiben.


La Traviata am Stadttheater Gießen (Spielzeit 2025/26)