Die Liebe ist der Herzschlag des gesamten Universums

Chantez, chantez!

Der erste Advent ist so etwas wie die Spielzeiteröffnung des Kirchenjahres, und das startet bei mir meist mit Pauken und Trompeten – mit der ersten Kantate des Weihnachtsoratoriums. Auch wenn das liturgisch nicht ganz korrekt ist (die Kantate wurde für den ersten Weihnachtsfeiertag geschrieben), freue ich mich in der Regel mehrere Wochen darauf, endlich wieder diese Musik zu hören und natürlich auch die ganzen anderen Adventslieder – quasi eine Erwartung der Zeit der Erwartung.

Manchmal erwische ich mich bei einem Gedanken – vielleicht die Pauken und Trompeten schon im November spielen lassen? Es wäre nur ein Klick, und wer sollte es verbieten, in das Dunkel des Kirchenjahresendes schon ein paar Lichtfunken zu schießen? Sollte Gott mich bei diesen Gedanken beobachten, sie würde sie sicher liebevoll belächeln – it’s all part of the same mystery.

Aber dann warte ich doch auf den ersten Advent. Nicht, weil ich so furchtbar geduldig wäre. Oder so traditionell (okay, schon ein bisschen). Sondern weil auch in der Vorfreude Freude steckt. Spannung im Warten. Weil auch im noch-nicht-da-Sein schon Gegenwart spürbar ist. So, wie im Advent bereits die Hoffnung auf das Licht ein paar Strahlen auf die Seele wirft. Die Adventslieder untermalen diese Hoffnung, die tiefe Sehnsucht nach dem Licht, mit einem Klangteppich, der mich immer wieder in Geborgenheit einhüllt und trägt.

Die meisten Adventslieder habe ich vor 20 Jahren in Frankreich entdeckt – und auch den Unterschied zu den Weihnachtsliedern gelernt, in denen aus dem Hoffen Wirklichkeit geworden ist, aus dem kleinen Funken ein Strahlen, auf die es aber noch ein wenig länger zu warten gilt.

Im Advent wurde schnell eine textlich etwas abgewandelte Version des Veni, veni Emmanuel eines meiner Lieblingsadventslieder. Während es im lateinischen und deutschen Refrain „Freut euch“ heißt, hat diese französische Übersetzung einen anderen Text gewählt: Chantez, chantez ! – „Singt, singt! Er kommt auf unser Rufen, unsere Herzen zu erfüllen, Emmanuel.“

Es geht ja im Advent nicht immer nur ums Freuen. Es geht auch manchmal darum, dass das Licht die Dunkelheit vielleicht nicht vollkommen verdrängen kann. Manchmal geht es um Zweifel. Um unerfüllte Erwartungen. Um die Sehnsucht nach Frieden. Um die Grenzen unserer menschlichen Existenz. Um Herausforderndes, das einfach da ist, auch wenn Weihnachten vor der Tür steht.

Im Singen haben alle Emotionen einen Platz, die beflügelnden und die schweren. Singen kann Freude sein, Hoffnung, Klagen, Bitten, Feiern. Und ich bin überzeugt, egal aus welchem Gefühl heraus wir singen, Gott kann in allen Melodien die Bitte hören, unser Herz zu erfüllen, wie es in dem Lied heißt.

Und damit geht das Chantez, chantez! für mich über eine Einladung zur Freude hinaus – es ist eine Einladung zum Lebendigsein. Vier Töne, die sich für mich so eng verwoben haben mit Lebendigkeit und Hoffnungsfunkeln, dass sie mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Egal zu welcher Jahreszeit.

Und mit diesem Lächeln im Gesicht warte ich dann ungeduldig auf das, was noch kommt – die „richtigen“ Weihnachtslieder, mit ihrer Freude, ihrer Festlichkeit, ihren Pauken und Trompeten. Und um ehrlich zu sein: Die ein oder andere Trompete schafft es dann doch schon vor Heiligabend auf meine Playlist – after all, it’s all part of the same mystery.

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