Eine Frage gehört ein wenig zum Grundrepertoire des sich Kennenlernens unter Menschen, in deren Leben gleichgeschlechtliche Liebesgefühle eine Rolle spielen: die Frage nach dem eigenen Coming-out. Die Frage danach, wie es war, als sich diese Welt auftat, in der alles ein wenig auf den Kopf gestellt schien. Wie es war, diese Welt, dieses Begehren, wahrzunehmen und zu erkunden, es irgendwann anzunehmen. Und schließlich, auf welche Art und Weise man seinem Umfeld Einblicke in diese Welt verschafft hat – oder vielleicht auch nicht.

Manche haben lange, vielschichtige Geschichten zu erzählen, andere nur ganz kurze. Für manche sind sie bedeutend, für andere eher nebensächlich. Für manche ist die Frage nach dem Begehren zu einer Frage nach der Identität geworden, für andere nicht.

Ich selbst habe auf diese Frage keine so klare, einfache Antwort, vor allem: keine eindeutige, lineare. Vieles kam schleichend, einiges schlich sich auch erstmal wieder weg. Manches wurde entdeckt und erstmal wieder verdeckt. Es gab Vor- und Zurückrudern, und manchmal ruderte ich auch im Kreis. Oder wo ganz anders hin.

Heute weiß ich, dass eine Faszination für Frauen, für weibliche Ästhetik, schon immer in mir war. Schon als Kind war sie auf die ein oder andere Weise spürbar, als sei sie in meine Seele gepflanzt, in meine Gene eingeschrieben, selbst wenn es noch lange dauerte, bis ich ein Bewusstsein für sie erlangte und mich darin fand.

Dabei hätte alles einen gradlinigen Weg nehmen können (so wie ich ihn mir natürlich für alle heterosexuellen Jugendlichen vorstelle). Ein guter Ausgangspunkt wäre dieser Spätnachmittag auf dem Jahrmarkt gewesen – ich war vielleicht fünfzehn – als ich mit einer Freundin in einem schwindelerregenden Fahrgeschäft saß. Wir gaben uns den immer wieder wechselnden Fliehkräften hin und erreichten einen Moment des absoluten Kontrollverlustes, als wir mit pubertierendem Kichern übereinstimmend verbalisierten, dass dieses eine Mädchen auf der Schule einfach super süß sei. Drei Minuten in einem physischen und emotionalen Schleudergang, in dem ich etwas aussprach, was ich noch gar nicht richtig einordnen konnte – und doch völlig berauscht davon war, dass jemand meine Schwärmerei wie selbstverständlich verstand und validierte.

Oder vielleicht auch ein paar Jahre später, wieder eine Schwärmerei – Achtung, Klischee – die Mathelehrerin, in deren Kurs ich definitiv nicht wechselte, um etwas über Mathematik zu lernen, sondern darüber, wie schön die Frauen sind.

Aber Begehren entwickelt sich nicht auf geradlinigen Bahnen. Und so erwies sich die in mich gepflanzte Faszination für die Frauen erst einmal als präsent, aber unaufdringlich und geduldig. Sie wartete, bis ich einen klareren Blick auf mich gefunden hatte. Und nicht zuletzt, bis ich meine Runde durch die gesellschaftlichen Erwartungen gedreht hatte.

Dieser Weg war mitunter konfus, und vermeintliche Gewissheiten wurden immer mal wieder in Frage gestellt. Es gab aber schließlich einen festen Punkt, an dem sich plötzlich alles eingenordet hat.

Es geschah, als diese Oper ins Spiel kam – Mozarts Hochzeit des Figaro.

Ich war Mitte 20 und nahm seit ein paar Monaten Gesangsunterricht, der mich durch eine emotional turbulente Zeit begleitete. Ich hatte gerade das ernst geglaubte Experiment eines heteronormativen Lebens beendet, als ich an einem wunderbaren Frühlingstag im Unterricht Cherubino kennenlernte, eine Rolle aus dem Figaro. Ein Page am Hof des Grafen, erzählte meine Gesangslehrerin, pubertierende 17 Jahre alt, vollständig von seinen Liebesgefühlen überrannt, die er gegenüber so ziemlich jeder Frau zu Hofe empfinde. Eine seiner Arien handle genau von diesem schmetterlingsgeladenen Gefühlszustand: Voi che sapete.

Cherubino sei eine sogenannte Hosenrolle oder Pant role: Im Stück eine männliche Rolle, die von Mozart aber für Mezzosopran geschrieben wurde und daher grundsätzlich von einer Frau gespielt werde. Daran solle ich mich nicht stören, als Frau über die Liebe zu den Frauen zu singen, beim Singen ginge es ja um das Gefühl, nicht ums Geschlecht.

Als ich die Melodie auf dem Klavier hörte, ging mir plötzlich ein sehr klarer Gedanke durch den Kopf: Nein – es geht ums Geschlecht, das macht mir doch dieses unglaubliche Gefühl.

Plötzlich spürte die volle Wucht der Lebendigkeit, die in dieser Musik steckt, in dieser Rolle – und darin, die Liebe zu den Frauen zu besingen. Ich spürte den Frühling, der die ganze Zeit an mir vorbeigezogen war, in seiner vollen Blüte. Ich spürte Schmetterlinge im Bauch alleine bei der Vorstellung, in eine Frau verliebt zu sein.

Und ich war fasziniert vom Konzept der Pant role– da wird ein Frauenkörper in eine Männerrolle gesteckt, oft mit einer Uniform verkleidet, die ihn männlich aussehen lassen soll. Doch egal wie gut und überzeugend die Verkleidung ist, die männliche Rolle behält eine weibliche Stimme – und erhält damit eine großartige, durchdringende Ambiguität.

Es ist eine Ambiguität, die im wahren Leben oft sanktioniert wird – auf der Bühne aber wird sie gefeiert. Eine Ambiguität, die von Anfang an gewollt ist: Schon Beaumarchais, der die literarische Grundlage des Figaro schuf, schrieb: »The role can only be played by a young and very pretty women«, da kein Mann an seinem Theater die nötige Reife habe, Cherubino’s Nuancen zu verstehen. Mozart fixierte diese Ambiguität schließlich in seiner Musik.

Ich war völlig ergriffen, sowohl von der Ambiguität als auch von der irgendwie unschuldigen Homoerotik. Ich begann zu recherchieren, über Cherubino, über die Hosenrollen an sich. Ich trieb mich in der Bibliothek herum und bestellte mir Bücher, die sich mit der Thematik beschäftigten.

Ich war berührt davon, dass etwas so Öffentliches, ja gar so Berühmtes geschaffen worden ist, das sich nicht an dem einen oder dem anderen Ende befindet, sondern irgendwo zwischen den beiden Polen von Männlich und Weiblich. Dass am Ende dieser Schöpfung etwas so Widersprüchliches stehen darf und es genau mit diesem vermeintlichen Widerspruch vollkommen ist.

Doch ein anderer Aspekt trieb meine Literatur-Recherche fast noch mehr an – die Hoffnung, einen Hinweis darauf zu erhalten, dass die Rolle zudem noch mit einer Art lesbischen Intension angelegt wurde. Diesen Hinweis suchte ich vergebens – was mit etwas Abstand betrachtet wenig überrascht.

Dennoch: Margret Reynolds nähert sich in ihrer detailreichen, historischen Betrachtung der Hosenrollen im Allgemeinen und der sexuellen Aspekte Cherubinos im Speziellen der Frage, warum Menschen in die Oper gehen: »Heterosexuelle Menschen [gehen] für die großen Gefühle. Lesben, um zwei Frauen auf der Bühne Liebe machen zu sehen.« Ich fühlte mich ertappt.

Ich recherchierte über die Mezzos in Pants für einige Wochen und sang Cherubinos Arien für einige Monate. Die Lebendigkeit dieses pubertären in-alle-Frauen-Verliebtseins spürte ich über Jahre. Selbst wenn dieses Gefühl damals noch kein spezielles Gegenüber hatte, war es tiefer, wahrhaftiger, lebendiger und bewegender als alles, was ich aus der heteronormativen Gefühlswelt kannte.

Ich verstand, dass meine Zuneigung zu Frauen ein essenzieller Teil meiner Identität ist. Der Nullpunkt meines Koordinatensystems. Dass es mit der Heteronormativität in meinem Leben vorbei sein würde, dass meine Liebe den Frauen gehören würde, und vielleicht ja eines Tages, so die tiefe Hoffnung, einer ganz speziellen. Eine Hoffnung, für deren Erfüllung ich heute jeden Tag dankbar bin.

Zwar begann ich nur leicht zu ahnen, mit wie viel Sehnsucht und Suchen mich Cherubinos so besondere Ambiguität noch durch das Leben begleiten würde. Doch von den ersten Takten seiner Arie an schenkte Cherubino mir einen Blick auf meinen inneren Kompass und brachte mir Stück für Stück bei, diesen Kompass zu lesen, zu fühlen. Er ist über all die Jahre in seinem jugendlichen Alter geblieben, während ich erwachsen geworden bin. Und doch schenkt er mir heute noch immer diese tiefe Lebendigkeit, wenn er mich mit seiner Musik und seinem besonderen Wesen aus dem »Dazwischen« berührt, wenn er mal die Kompassnadel etwas justiert und mich spüren lässt, wer ich bin.

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