Der Pride Month hat mich dieses Jahr auf mehrere CSDs geführt, die mich alle auf unterschiedliche Art sehr berührt haben.
Ende Mai waren wir zufällig in Dresden, als dort der CSD stattfand. Wir haben uns spontan dazu entschieden, bei der Demo mitzulaufen, was wir uns hier nicht so sorglos vorstellten, wie zum Beispiel in Frankfurt der Parade zuzuschauen. Die stellvertretende Ministerpräsidentin rückte in ihrer Eröffnungsrede dann aber nochmal die Perspektiven zurecht: in Städten wie Leipzig und Dresden sei der CSD relativ unproblematisch, nicht vergleichbar mit Bautzen oder Görlitz, wo die Community dringend Unterstützung brauche.
Diese bunte Community so versammelt zu sehen berührt mich immer wieder tief. Sie ist sonst so weit in der Gesellschaft verstreut, dass die einzelnen Farbkleckse oft kaum wahrnehmbar sind. Auf den Demos und Straßenfesten verdichtet sich das Bunt und ist unausweichlich sichtbar, das ist großartig und ganz wunderbar lebendig, und ich bin sehr dankbar, dass wir das gemeinsam erleben dürfen.
An diesem Wochenende trägt der CSD Mittelhessen dieses lebensbejahende Gefühl durch die Straßen der Wetzlarer Altstadt.
Mit dabei war auch wieder das Banner der Evangelischen Kirche mit der Aufschrift »Gott feiert queer«. Es ist ein Satz, der mich immer wieder antippt und ab und zu ins Stocken bringt. Nicht nur, weil er so herrlich über-mutig ist, sondern weil er eine machtvolle Ansage macht an eine gesellschaftliche Rhetorik, die mir seit langem gut vertraut ist.
Es ist die Rhetorik des Trotzdems und des Abers aus Sätzen wie: Du bist queer und trotzdem geliebt. Mein Cousin ist auch schwul, aber den mag ich echt gerne. Eine Rhetorik, die vermeintlich positiv daher kommt, doch in Wahrheit eine defizitäre Aussage in sich trägt.

»Gott feiert queer« lässt den Trotzdems und den Abers keinen Raum mehr. Es ist eine 150-prozentige Zusage, die jegliches Defizit auszugleichen sucht und jeden Zweifel ersticken lässt, jedes Gefühl, Queersein sei irgendeine Art von Bug, unvollständig, fehlerhaft. Es ist ein Feature, das keiner weiteren Legitimation bedarf. Und als solches wird es nicht nur toleriert, akzeptiert, sondern gefeiert. Im Zweifel: auch bevor oder gar ohne, dass ich es selbst tue. Unausweichlich, nicht in meiner Hand.
Ich bin sehr dankbar, dass das “Feiern” auf den CSDs bei uns möglich ist und an vielen Stellen einen so lebhaften Ausdruck bekommt. In diesem Jahr klingen viele Stimmen von Teilnehmenden jedoch anders, besorgt. Es sei noch nie so wichtig gewesen wie heute, sichtbar zu sein und für die Rechte queerer Menschen auf die Straße zu gehen. Und: es habe noch nie so viel Mut gebraucht, um dies trotz der Ankündigung rechter Gegendemos zu tun. Das Feature der Demokratie aushalten: dass auch “die anderen” zugelassen sind. Aber auch, dass dies immer wieder kippt.
In Wetzlar haben sich nicht nur die Rechten angekündigt, auch einige christliche Fundamentalist*innen stehen am Rande des Demo-Zugs. Freudlos halten sie Plakate in die Höhe, auf denen auf eine postmortale Gerichtsbarkeit hingewiesen wird – allerdings fehlt den Plakaten eine klare Aussage, ob dort über die Liebe oder die Engstirnigkeit verhandelt werden wird.
Unsere Gott-feiert-queer-Rufe werden vom Straßenrand aus relativ einfallslos gekontert: Gott feiere queer nicht. Mir fallen in diesem Moment die eindringlichen Worte ein, die sich Bodo Wartke herausnimmt, Gott in den Mund zu legen, sie puzzeln sich unter der Melodie in meinem Kopf zusammen:
Wenn ich ein Gott wär’ von irgendeiner traditionsreichen, populären Weltreligion
von welcher Religion ist dabei völlig egal
dann hätt‘ ich was zu sagen, das geht euch alle an, denn
ihr habt da etwas Wesentliches missverstanden
und das bereits zum wiederholten Mal.Wenn ihr Homosexuelle zusammenschlagt,
sie beschimpft und durch die Straßen jagt,
weil sie wagten einander öffentlich zu umarmen,
dann handelt ihr damit nicht in meinem Namen!Wenn ihr verachtet und zerstört, was ich erschuf,
dann will ich nicht, dass ihr euch auf mich beruft,
denn ihr handelt nicht in meinem Namen.Shalom, Inschallah, Amen.
Ich bin an diesem Tag zutiefst dankbar für den »Gott feiert queer«-Banner, für die Menschen, die ihn tragen, und für alle, die darum einen Raum schaffen, ich dem ich mich einfach nur wohl fühle.

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