Letztens meinte ein Bekannter, mit dem Gendern solle man doch lieber mal die Kirche im Dorf lassen – und zwar in Ruhe. Die Kirche auf dem Dorf mit dem *innen in Ruhe lassen, denn die Gemeinde habe dort keinen Sinn für irgendwelche Aussprache mit Sternchen. Er gendere aber sehr gerne, wenn da jemand sei, den das betreffe.

Ich möchte hier keine Abhandlung über das Für und Wider des Genderns schreiben, keine Betrachtung dessen, wie klein der Effort für den einen, und wie groß der Impact für den anderen Menschen ist und sein kann.

Worauf ich aber unbedingt hinweisen möchte: Die Einschätzung, ob jemand betroffen ist, sollten alle für sich selbst treffen dürfen. Sie sollte nicht davon abhängig sein, ob ihre Gender-Betroffenheit vom Gegenüber gelesen wird oder nicht, zumal eine gewisse Portion Überheblichkeit beim Lesen äußerst hinderlich ist.

Ein Kurzlektion in Sachen Lesen:

Dies ist Lego Jane. Sie hat zwar ihre Brüste versteckt und auch sonst sehen wir keine eindeutigen Geschlechtsmerkmale, aber die langen Haare, und sie lächelt so nett. Wahrscheinlich eine sorgende Mutter und gute Hausfrau.

Dies ist Lego Joe. Er ist perfekt glatt rasiert und hat auch sonst alles an sich gut verpackt, aber das freundliche Lächeln und die biedere Frisur legen es nahe: Wahrscheinlich ein Familienvater der Mittelschicht mit Vollzeitjob.

Weder Jane noch Joe liefern offensichtliche Beweise für ihr Geschlecht. Wir definieren sie ausschließlich über ihre Frisur. Und diese scheint uns ziemlich wenig Zweifel zu lassen.

Jane und Joe scheinen kein Gegendere nötig zu haben. Vielleicht steckt in ihnen aber einfach dieser wundervolle multigender Lego-Mensch, der mit oder ohne Bart und Boobs alles sein kann und darf und möchte.

Für den es die Welt bedeuten kann, wenn sich jemand die Mühe macht, sprachlich einen Raum zum Existieren zu öffnen – und die anderen dazu zwingt, diesen Raum auszuhalten.

Auch und erst recht, wenn Lego*J mit Janes oder Joes Frisur in der Dorfkirche sitzt.

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