Diese Worte von Bodo Wartke standen für mich am Anfang einer ganz besonderen Produktion. Sie begann mit einem Gespräch darüber, wie wir uns eine gerechte Welt vorstellen. Mein erster Gedanke: Die Menschen würden freundlicher miteinander umgehen, die Liebe würde sich als handlungsleitendes Motiv durchsetzen.
Der Weg dorthin führt mich durch eine eher unbekannte Oper von Gioachino Rossini: Mosè in Egitto (Moses in Ägypten). Das Stadttheater Gießen hat schon lange ein feines Ausgrabungshändchen für in Vergessenheit geratene Opern. Hier wurde ein kleiner Juwel geschliffen.

Ich gebe zu, ich bin in dieser Sache relativ leicht zu begeistern – Begeisterungsfähigkeit ist eine Schlüsselvariable in meiner Kosten-Nutzen-Rechnung. Insbesondere hier am Theater lasse ich mich bereitwillig und intensiv in Ekstase versetzen, lasse mich hingebungsvoll berühren und bewegen von allem, was das Universum mir vor die Füße wirft. Und in Mosè wurde so einiges geworfen.
Rossini wählte für diese Oper einen biblischen Stoff, denn damals war es verboten, weltliche Opern während der Fastenzeit aufzuführen (ich bin ja der Meinung, das Weltliche steht dem Geistlichen in der Tiefe der spirituellen Erfahrung in nichts nach, da diese am fundamentalsten in der Musik liegt). Damit wurde uns ein Werk mit einer “tragisch-heiligen Handlung” hinterlassen, welche Fäden über Jahrtausende spannt: von der biblischen Erzählung des Moses hin zu einer Kulturgrenzen überschreitenden Liebesgeschichte zwischen dem Sohn des Pharaos Osiride und der Hebräerin Elica. Rossini malt beides mit wunderbaren, intensiven Klangfarben, die mit ihrer Dramatik, ihrer Schönheit, ihrer Tiefe und ihrer Spiritualität bewegen.
Carmen C. Kruse (Regie) und Susanne Brendel (Bühne und Video) nehmen diese Fäden auf und führen sie weiter in die Gegenwart, indem sie die Ausgangssituation der Oper auf ein universelles Szenario herunterbrechen: In einer von verschiedenen Kulturen durchmischten Gesellschaft wird aus Angst vor Machtverlust eine Gruppe zu Fremden erklärt und ausgegrenzt. Was dann passiert, dürfen wir während des Stückes auf der Bühne erleben.
Viel zu erleben gibt es vor allem auch in den Proben, in denen so viele Momente direkt aus dem Leben ausgeschnitten scheinen, in diesem Land, in diesem Winter, in dieser Gesellschaft.

In diesem Land, in dem wir an einem Tag mit Sorge verfolgen, wie ein Antrag zur Begrenzung des Zustroms von Fremden mit den Stimmen von Rechtpopulisten durch das Parlament gebracht wird. – Und wir am Abend proben, wie es sich anfühlt, wenn politische Gewissheiten einzureißen scheinen und Tatsachen geschaffen werden, die auf einmal die Freiheit und Sicherheit einer Gruppe von Menschen in Frage stellt. Wie es sich anfühlt, wenn die Stimmung kippt in der Gesellschaft, zwischen Ägyptenländer*innen und den zu Fremden gemachten Hebräer*innen. Zwischen denen, die meinen, viel zu verlieren zu haben – ihre Traditionen, ihre Werte, ihre Freiheit – und denen, die schon etwas verloren haben – die Anerkennung als gleichwertige Menschen.
In diesem Winter, in dem wir viel darüber diskutieren, wie schnell es passieren könnte, dass die Rechte von Minderheiten wieder eingeschränkt werden, weil Parteien das Rad lieber wieder zurück drehen möchten, damit es in dem läuft, was sie als die Spur definieren. – Und wir am Abend proben, wie es sich anfühlt, die politische Entwicklung mit Vorsicht zu verfolgen, da die Verfolgung und Unterdrückung in die eigene kulturelle DNA geschrieben ist. Wie die Hebräer*innen ängstlich gegenüber den staatlichen Gewalten sind, weil sie ihre Härte schon zu spüren bekommen haben.
In dieser Gesellschaft, in der mit jedem wahl- und sinnlos getöteten Menschen etwas bricht, eine Hoffnung, ein Vertrauen, und uns der Schock über die Taten eint, egal welchen kulturellen oder religiösen Hintergrund wir haben. In Aschaffenburg, Solingen, in Magdeburg und Mannheim. – Und wir am Abend die Eskalation im Finale des zweiten Akts proben, in dem die Konfrontation zwischen Ägyptenländer*innen und Hebräer*innen im Tod eine Menschen gipfelt. Osiride, der Sohn des Pharaos, stirbt in den Auseinandersetzungen zwischen den Kulturen. In der Fassungslosigkeit darüber, dass der gesellschaftliche Konflikt aus den Fugen der Menschenlichkeit geraten ist, lösen sich die Grenzen zwischen den Kulturen schließlich auf. In der Trauer finden die Fremden und die Nicht-Fremden zusammen.

Mit Osiride stirb ein Erstgeborener, eine der zwei biblischen Plagen, die Rossini uns im Stück erleben lässt. Allerdings wird er in Gießen nicht von einem Blitz niedergestreckt, sondern von einer Hebräerin erstochen. Was wir erleben, ist vielmehr die Plage der Ungerechtigkeit – Ungerechtigkeit, aus der sich die Wut und der Hass für diese ultimative Eskalation speisen.
Selten habe ich ein Stück erlebt, welches so nah am Puls der Zeit inszeniert ist. Und so schnell wie dieser Puls schlägt, so hoch ist auch die emotionale Komplexität dessen, was auf der Bühne passiert.
Für Komplexitäten hat auch Rossini ein Händchen und hält für uns musikalisch die Höhen und Tiefe der menschlichen Gefühlspalette bereit. Hoffnung, Freude, Sehnsucht und Verzweiflung sind in wunderschöne, mitreißende Musik gegossen. Auch hier lasse ich mich gerne begeistern.

Im Finale des ersten Akts, inmitten des wütenden Aufstands, den der Chor gewaltig ausgestaltet, laufe ich mit offenem Herzen direkt in ein hohes C der Amaltea (fantastisch: Julia Araujo), während aus dem Orchestergraben ein tosender Sturm über die Bühne zieht. Wenn kurz darauf der Vorhang fällt, bin ich inmitten dieser Musik, dieser Sänger*innen und Musiker*innen mit der Welt versöhnt. Später, nach dem Todes Osirides, verleiht seine Geliebte Elcia (gefühlvoll und mitreißend: Annika Gerhards) ihrem Schmerz in einer furiosen Arie Ausdruck, so intensiv und durchdringend, dass ich an einen Satz aus einem anderen Stück denken muss: Wer jetzt nicht bewegt ist, hat keine Seele.
Im dritten Akt gibt uns Rossini mit seinem großen Gebet schließlich einen Vorgeschmack auf die Erlösung. Die Bitten um göttliche Hilfe werden von einer schlichten Melodie untermalt, die im Wechsel zwischen Soli und Chor an Dynamik gewinnt und schließlich alle zu einer kraftvollen Einheit verschmilzt. Es ist zugleich Flehen und Trost. Nach den tiefen, verstörenden Emotionen um den Osiride-Tod bleibt für mich auf der Bühne hier kurz die Zeit stehen, ein Moment, um der Seele wieder Hoffnung einzupflanzen.
Der Weg in das gelobte Land, in die gerechte Welt führt in der Gießener Inszenierung schließlich nicht durch das geteilte Rote Meer, sondern durch die Demontage gefestigter Machtpositionen und Rollenzuschreibungen. Die gerechte Welt, sie wird uns am Ende nicht fertig serviert, vielmehr werden wir eingeladen, den Weg dorthin gemeinsam zu gestalten.
Und damit stehen Bodo Wartkes Worte für mich auch immer am Ende jeder Aufführung. Denn alles Gestalten sollten wir aus Liebe tun. Nicht aus Angst.
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