Es ist die Oper der lodernden Flammen, die das Stadttheater Gießen da auf die Bühne bringt: Giuseppe Verdis Meisterwerk Il Trovatore. Ich spüre beim Gedanken an die Flammen ein wenig Dualität, ebenso wenn ich den Titel lese, den Ann-Christine Mecke für den Text im Programmheft gewählt hat: »Brennende Menschen«. Zwei Worte, die bei mir zeitgleich ein Bild der Katastrophe und der Begeisterung entstehen lassen.  

Sicher ist: Mein Herz und meine Seele brennen für Verdis Musik, seit ich vor vielen Jahren zum ersten Mal den Rigoletto gesehen haben. Verdi hat mich tief berührt. Er hat in mir einen Funken Lebendigkeit inmitten einer Asche-Wüste entzündet. Ich habe mit ihm wundersame Liebesgeschichten erlebt, mit dieser göttlichen Musik, die zwar so viel Schmerzen hörbar macht, doch gleichzeitig auch so sehr tröstet.  

Nun stand endlich der Troubadour auf dem Spielplan des Stadttheaters, und so durfte ich mich im »entflammt und entzündet« hineinstürzen in ein neues musikalisches Abendteuer.  

© Robert Schittko

Der Handlung des Trovatore eilt ein klarer Ruf voraus: Sie ist die so ziemlich absurdeste und unverständlichste Oper, die es gibt, wenn man überhaupt von einer kohärenten Handlung sprechen kann. Zudem ist weder das Schicksal zimperlich mit den Figuren, noch sind es die Figuren miteinander:  

Eine Frau verbrennt auf dem Scheiterhaufen. Ihre Tochter Azucena muss zuschauen und wirft in einem Versuch der Rache versehentlich ihr eigenes Kind ins Feuer. Später wird sie gefoltert. Ein Sohn und Bruder muss sterben. Eine weitere Frau, Leonora, ist Spielball der Männer, die über das sexuelles Eigentumsrecht an ihr verhandeln. Leonora verwehrt sich der Besitzergreifung durch den Tod. Am Ende bleiben vor allem – Verlierer*innen.  

© Robert Schittko

Regisseurin Helena Röhr fragt sich, in welchem Kontext solche vermeintlichen Absurditäten real sein könnten und präsentiert eine Antwort: Im Krieg. Im Kontext von Gewalt und Trauma, in dem die Irrationalität das Normal ist. 

Um die Handlung besser nachvollziehen zu können, lässt Helena Röhr zwischen den Szenen vier Nornen auftreten, schicksalsbestimmende »Zeuginnen« , die zum einen Handlungsstränge abseits der Bühne erläutern, aber auch immer wieder an den Kontext erinnern: »Es war die Zeit des Krieges«. Und sie sprechen einen Satz aus, der jedes Mal in mir nachhallt, bei der Frage, wer das Duell zwischen Manrico und Graf Luna gewonnen hat: »Ein Duell kann man nicht gewinnen«. So, wie man auch einen Krieg nicht gewinnen kann, so wie niemand gewinnen kann, der Gewalt erfährt oder sie ausübt. Dazu: »Man kann nur überleben. Aber überleben heißt nicht lebendig sein«.

Helena Röhr sucht in ihrer schonungslosen, ehrlichen und mitreißenden Inszenierung nach einem Blick der Frauen auf die Geschehnisse und zeichnet dabei vor allem eine Azucena, deren Handlungen im Licht einer posttraumatischen Belastungsstörung plötzlich nachvollziehbar erscheinen. Dabei finde ich bemerkenswert, dass die vier »Zeuginnen« eine Art »Azucena-Kostüm« tragen. Damit zeigen sie sich auch als Zeuginnen von Azucenas traumatischer Geschichte. Sind es nicht Zeug*innen der Gewalt und des Traumas, an denen es Frauen viel zu oft fehlt?

© Robert Schittko

Es gäbe noch viel mehr zu schreiben über das Leid, das dieses Stück durchzieht. Wäre da nicht die Musik. Ich verbringe die meiste Zeit während der Vorstellung auf der Seitenbühne und lasse mich davon verzaubern, mitreißen, berühren. Und sehe immer wieder, wie Kolleg*innen neben mir stehen und zu dieser Musik tanzen – ein Tanz am Rande des Abgrunds, so eng stehen Leid und Lebendigkeit beieinander. In einem Moment stehen wir hinter einer Wand, davor werden die Männer gerade handgreiflich gegenüber Azucena, dahinter hören wir nur ihre Stimme und eine bunte, fast fröhlich klingende Melodie aus dem Orchestergraben mit einer unbeschreiblichen Sogkraft. Es bleibt für mich immer wieder unerklärlich, wie Verdi diese Mischung geschaffen hat aus der lebendigsten Musik, die seine Figuren durch das tiefste Leid begleiten.  

Zu den » brennenden Menschen « gehören unbedingt auch die Sänger*innen auf der Bühne, die für das, was sie tun, brennen. Julia Araújo gibt eine atemberaubende Leonora, die zwar wie eine Barbie verkleidet auftritt, aber deren Stimme eine durchdringende und unerschütterliche innere Stärke voller Strahlkraft spüren lässt. Julia Rutigliano als Azucena kann man auf der Bühne weder darstellerisch noch stimmlich entkommen. Sie zieht alles, was Augen und Ohren hat, in ihren düsteren, mächtigen Bann und lässt mich immer wieder sprachlos zurück. Graf Luna bleibt mir unsympathisch, weil Grga Peroš seinen Job so wahnsinnig gut macht und diesem besitzergreifenden Mann eine so runde und volle Stimme gibt. Michael Ha ergänzt die Hauptrollen als Manrico und ist mit nicht weniger Leiderschaft dabei.

© Robert Schittko

Manchen Szenen in der Oper sind schwer anzusehen, die Inszenierung hat keine Berührungsangst mit dem Trauma (vielleicht dürfen wir davon etwas lernen) und der Gewalt, und sei sie nur in den Köpfen. Und auch die, die das Ende überleben, tun es nicht als Gewinner*innen. Doch schafft es Verdi auf unglaubliche Art, Tod und Leben nebeneinander zu stellen. Die Figuren sterben in einem Akt tiefster Lebendigkeit – singend. Die Musik, welche die Gewalt ausdrückt, lässt die Seele tanzen. Die lodernden Flammen laden ein, das eigene Feuer in sich zu spüren. 

Und wer das spüren kann, kann vielleicht auch anfangen, das Trauma zu verarbeiten.  

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