Unsere Unterkunft für unseren zweiten längeren Aufenthalt in Portugal liegt in einem nördlichen Vorort von Lissabon. Hier findet in ein paar Tagen die Hochzeit von Beatriz und Miguel statt, wegen der wir überhaupt auf diese Reise aufgebrochen sind.

Vorher steht aber noch ein wenig Sightseeing an, bzw. ein wenig in das Gefühl dieser Stadt eintauchen, das auch wieder ganz anders ist als in Bordeaux, Barcelona oder Madrid.

Für mich hängen an Lissabon, an den futuristischen Dächern des Oriente-Bahnhofs und an dem Blick auf die Vasco-da-Gama-Brücke, tiefe Erinnerungen an meine erste Reise hier her, zu einem Taize-Jugendtreffen. Eine Reise, bei der ich mit 19 Jahren in einem der dunkelsten Winter in ein Flugzeug stieg, sah und lernte, dass auch über den düstersten Wolken die Sonne scheint, nach 2.500 km in einer fremden Stadt ausstieg und das Gefühl hatte, ich sei zuhause, bei den vielen lieben Menschen, mit denen ich die Zeit hier verbrachte. Ich bin zutiefst dankbar, dass ich heute mit meiner Frau nochmal hier herkommen darf und über die letzten 19 Jahre die Sonne gesiegt hat.

Auch wenn wir natürlich die touristischen Highlights und „belebten Umgebungen“ (Google Maps) besuchen, haben wir das Gefühl, dass diese Stadt sehr bunt und vielfältig ist, aber gleichzeitig eine sehr ruhige und entspannte Atmosphäre hat. Wir genießen das Schlendern durch die Gassen, die Ausblicke über die Stadt und die beeindruckenden Dimensionen der Brücken über den Tejo. Wir hatten schon bei unserer ersten Portugal-Reise dieses Jahr das Gefühl, dass dieses Land etwas südamerikanisch angehaucht ist – deutlich anders als der Rest von West-Europa. Nach unserer abenteuerlichen, aber erfolgreichen Zugreise durch das Land schreibt uns Beatriz: In Portugal, it’s people first, then the process… Ich will nicht sagen, dass eine Vernachlässigung des Prozesses immer erfolgreich ist, aber eine an den Menschen orientierte Haltung ist hier klar zu spüren.

Ein bisschen kritisch sehen wir die Verherrlichung diverser Seefahrer mit Denkmälern, Kirchen und Ähnlichem. Auch wenn die Würdigung der Entdeckerleistungen durchaus verständlich und angebracht ist, fehlt hin und wieder ein kritischer Gedanke zum Kolonialismus, den die entdeckende Seefahrt nach sich zog. Aber das ist ja in allen westlichen Ländern ein eher problematische Thema.

Das Highlight unserer Zeit hier ist aber natürlich die kirchliche Hochzeit mit der anschließenden Feier auf einem idyllisch gelegenen Weingut. Wir waren im Vorfeld sehr gespannt, wie eine portugiesische Hochzeit, zu der auch noch die Taufe des Bräutigams sowie der beiden Kinder kam, so ablaufen würde. Es beginnt mit dem Warten auf die Braut, die über eine halbe Stunde zu spät in die Kirche kommt. Stören tut das jedoch niemanden, wie entspannt – people first, then the process. Der katholische Ritus hingegen scheint eher am (wortreichen) Prozess als an einem lebendigen Geist orientiert zu sein, aber das muss nicht unbedingt eine Besonderheit darstellen.

Nachdem Empfang im Garten des Weinguts wird die Torte angeschnitten. Wir wundern uns ein bisschen über den Zeitpunkt, aber Kuchen zu essen scheint sehr angemessen. Am späten Abend, als eine weitere Torte angeschnitten wird, finden wir heraus, dass es sich nachmittags um den Taufkuchen handelte, abends um die Hochzeitstorte. Es gibt reichlich leckeres Essen (ein 4-Gänge-Menü gegen 16 Uhr sowie ein riesen Fleisch-Käse-Nachtisch-Buffet nach Hochzeitstorte mit Feuerwerk), dazwischen wird getanzt. Die viele gute Laune beim Tanzen ist wunderbar anzusehen und ein bisschen was ist doch überall gleich: die Schlager machen die beste Stimmung.

Den Tag auf dieser großartigen Feier zu verbringen kommt mir völlig unwirklich vor – Beatriz habe ich 2007 zum letzten Mal gesehen. Wir hatten uns zuvor ein Jahr lang ein 9-m²-Zimmer in Taizé geteilt, auf eine Art verbindet das fürs Leben. Und so sind Christiane und ich gemeinsam mit einer weiteren Wegbegleiterin aus Taizé-Zeiten und ihrem Freund auf diesem Fest, lachen und tanzen und gehen am Ende mit einem reich gefüllten Herzen, mit Freude und Liebe für das Leben, nach Hause.