Wir haben die Nacht über zwischen Brummen und Schwitzen gewechselt, was zugegebenermaßen nicht ganz so erholsam war. Aber wir müssen sowieso früh raus, bei milden 28°C geht es um 7 Uhr zum Bahnhof. Heute steht planmäßig unser längster Reisetag bevor, nach 13 Stunden wollen wir die Algarve-Küste in Lagos erreicht haben.

Madrid-Atocha

Beim Frühstück am Madrider Bahnhof spekulieren wir, welche Vorreservierungn in Sachen Sitzplätze und Unterkünfte auf so einer Reise am meisten Sinn machen und nehmen uns vor, in Zukunft etwas spontaner zu werden. Ein paar Minuten später stehen wir spontan am Ticketschalter und reservieren einen Zug für die Rückfahrt von der spanisch-partugisischen Grenze in Badajoz nach Madrid. Die Strecke sei immer extrem voll, es gebe nur noch eine Hand voll Plätze. Und ohne Platz gibt es hier keine Fahrt.

Vom Ticketschalter gehen wir weiter zur Ticket-Kontrolle für unsere heutige Fahrt nach Badajoz. Die Reservierung hatte ich im Vorfeld gekauft. Es gibt europaweit zwei Möglichkeiten, spanische Sitzplatzreservierungen zu erstehen: der spanische Ticketschalter und die Auslandsreise-Hotline der Deutschen Bahn. Nach einer halben Stunde in der Warteschleife hatte ich dort fernmündlich die Reservierungen gekauft und drei Wochen später mit der Post erhalten. Deutsche-Bahn-Fahrkartenpapier, fein bedruckt, wie früher.

Leider sieht die ticketkontrollierende Dame im spanischen Bahnhof das mit etwas weniger Reiseromantik. Nur mit Hilfe ihrer Kollegin schafft sie es, eine Reservierungsnummer zu identifizieren, die vom Computer aber leider abgelehnt wird. Sie lässt uns trotzdem irgendwann durch und wir besteigen einen eher unspektakulären Intercity-Zug, der uns in viereinhalb Stunden zur Grenze nach Portugal bringen soll.

So durchlässig die Grenzen für uns Reisende hier sind, so hoch scheinen die Mauern zwischen den nationalen Bahngesellschaften zu sein. RENFE (Spanien) akzeptiert nur mit Mühe eine von der Deutschen Bahn ausgestellte Reservierung. Nach einer Verspätung von SNCF (Frankreich) bietet man uns lediglich weitere Reisemöglichkeiten auf den SNCF- Strecken an. Den Rest sollen wir mit den Spaniern klären. Die Spanier verweisen darauf, dass es sich um eine französische Verspätung handelt, da könne man gar nichts machen. Und die Reservierung für den verpassten spanischen Zug sei ja außerdem in Deutschland gekauft worden, das müsse man dort reklamieren. Bei den Fahrgastrechten handelt es sich zum Glück um eine EU-Richtlinie, mal schauen, wie weiter wir da mit Europa kommen.

In Badajoz kommen wir verspätet, aber noch rechtzeitig an. Die Anzeigetafel verrät uns dafür gleich, dass unser Anschlusszug 20 Minuten später startet. Das widerum liegt nicht mehr im Toleranzbereich für die nächste Fahrt, aber wir besteigen dennoch zuversichtlich den schon bereit stehenden portugiesischen Zug. Oder das Gefährt. Denn mit der deutschen und französischen Ingenieurskunst ist es erstmal vorbei. Es handelt sich um einen einzelnen, dieselgetriebenen Waggon, der uns die nachsten drei Stunden dröhnend und brummend durch die portugiesische Prärie fahren wird.

Mit an Board ist eine sehr bemühte Schaffnerin, die uns erstmal versichert, dass unser Anschlusszug warte, und uns dann die noch ausstehenden Reservierungen für den heutigen Tag organisiert. In Portugal ist nämlich auch die Hotline der Deutschen Bahn machtlos, hier geht das nur vor Ort. Es wird zwar ein späterer Zug als geplant (der andere ist ausverkauft), aber den letzten Zug ans Ziel sollten wir bekommen.

Ich schreibe meiner portugiesischen Freundin, zu deren Hochzeit wir hier eigentlich unterwegs sind, dass wir es nach Portugal geschafft haben. Sie antwortet enjoy our rhythm. Sie hatte mir schon vor ein paar Monaten gesagt, wir sollten uns mit den Planungen nicht zu sehr den Kopf zerbrechen, wir würden schließlich nach Süd-Europa fahren.

Kurz vor der Ankunft in Entroncamento verkündet die Schaffnerin, der Anschlusszug warte doch nicht, als nächstes fahre ein Regionalexpress. Die Anzeigetafel des Bahnhofs widerum schreibt das Wort, dass wir so ähnlich schon in Frankreich gelernt haben: gestrichen.

Lissabon-Oriente

Zum Glück finden sich schnelle Lösungen und wir erreichen in einem IC, älteres Modell, am frühen Abend Lissabon. Jetzt also nur noch zur Küste runter, dann noch ein Umstieg, Umsteigezeit 1 Minute. Ich werde wieder etwas nervös, als sich die erste Minute Verspätung anbahnt, letztlich werden es 30. Bei der Ticketkontrolle im Zug zeige ich dem Schaffner unseren Reiseplan, wie wir den mit dieser Verspätung noch in Lagos ankommen sollen. That’s not your problem, sagt er auf den Plan zeigend, der Anschluss nach Lagos warte. Und so geschieht es dann tatsächlich, ein kleines Wunder, dass wir es wirklich von Madrid bis Lagos geschafft haben.

Aber Portugal hat noch mehr für uns im Gepäck. Auf dem Weg zu unserer Unterkunft, einmal quer durch die Stadt, spricht uns eine Frau aus dem Auto an – unsere Vermieterin, die uns auf gut Glück entgegen gefahren ist, um uns abzuholen. Sie gibt uns noch eine kleine Stadtrundfahrt und erzählt stolz, dass ihre Tochter eine Zeit in Wolfsburg gewohnt habe. Sie sei Fußballerin und habe mit dem VfL drei mal die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Im Flur steht eine kleine Vitrine mit Trikots und Medaillen, eine Silbermedaille der Champions League, eine Auszeichnung für 125 Länderspiele für die portugiesische Nationalmannschaft – wie cool ist das denn?! Wir wohnen im Elternhaus von Claudia Neto.

Wir haben unseren längsten Reisetag damit gut überstanden und freuen uns jetzt auf ein paar Küstentage abseits der Gleise.