„Mein Gott, wenn nur alles in Ordnung kommt zur rechten Zeit!“
Alles kam in Ordnung und ins inszenierte Chaos. Premiere von Der Besuch der Alten Dame am Stadttheater. Und egal was irgendjemand anders sagt – aus dem kindlich-naiven Blickwinkel meiner ganz persönlichen Premiere gibt es für mich nur eine Wahrnehmung: es war grandios!
Die Alte Dame besuchte nun endlich das erbärmlichste Nest auf der Strecke Karlsruhe – Stralsund. Na ja – auch wenn „Dorf-Güll“ hier gleich um die Ecke liegt, ist es doch nicht so erbärmlich bestellt wie um Güllen. Schließlich leistet man sich hier noch eine kleine, lebendige Welt in einem großen Haus, die mich in kindliches Staunen versetzte, je mehr ich in ihr entdecken durfte – beispielhaft sei hier mal die herzliche Garderobiere angeführt, deren Existenz mir eine freudige Überraschung war. Es muss ein großer Luxus sein, eine so gigantische Maschinerie zu betreiben, die etwas so Vergängliches und Lebensunnötiges, aber vielleicht gerade deshalb Phantastisches schafft.
Die Vergänglichkeit von Dienstleistungen ist eine mir durchaus vertraute, bereits vielfach wissenschaftlich diskutierte Thematik, aber sie reißt mich immer wieder zu einer gewissen Melancholie hin. Was bleibt, ist tief dankbares Lächeln an all diejenigen, die meinen Erlebnisraum in den vergangenen sechs Wochen mitgestalteten. In diesem Zusammenhang muss natürlich der Turner Erwähnung finden, mit dem es so wundervoll war zusammenzuarbeiten – ob die von mir gespielte Lady ihn jetzt gerade wegen seines knappen Turner-Outfits maßregelt, bei ihm Schutz sucht vor den Grausamkeiten, von denen die Alte Dame berichtet, oder im durch der Dame Schleier fallenden Licht heimlich in der Peterschen Scheune mit ihm kuschelt.
Und was sage ich als Haushaltswissenschaftlerin dazu? Vor dem Hintergrund humanökologischer Hypothesen nur eines: das Konzept des Doppelcharakters der Bühne als Arbeits- und Erlebnisraum muss in Bezug auf die Dienstleistungsersteller und -empfänger differenziert betrachtet werden!
Glücklicherweise geht es mit der Vergänglichkeit dann doch nicht ganz so schnell – wir spielen „Kill Ill“ noch fünf Mal – noch fünf Mal in die graue Maske der Lady schlüpfen, unfertige Schilder hochhalten, Frau Zachanassians Geschichte erschrocken lauschen, auf den schleichend einfahrenden Zug des Wohlstands aufspringen, Alfred Ill vor selbigem Zurückhalten, Solo-Kuscheln, sich zur 50er-Jahre Schönheit verwandeln und als Reporterin die Manifestation scheinheiligen Hungers nach Gnade und Gerechtigkeit dokumentieren. Da muss ich mich nur vor einem fürchten: Tod aus Freude!



Thomas
Du bist wundervoll 🙂
…wie der Text hier auch – ich bin begeistert… da würde ich gern zuschauen!
Liebe Grüße aus München,
Thomas
PS: der Lippenstift auf dem 3. Bild steht Dir sehr gut! 🙂
schrati
Lieber Thomas,
das freut mich aber! Da kann ich ja nur sagen: nur herkommen! 😉
Mehr schreibe ich dir unter Ausschluss der Öffentlichkeit!
Schrati 🙂