Da wir die gestrige Etappe etwas früher beendet haben als vorgesehen, haben wir heute noch ein paar extra Kilometer vor uns. In der Nacht ist Christiane dann aber ein Bus erschienen, und so entscheiden wir beim Frühstück, erst in Völlan loszulaufen. Damit sparen wir uns wertvolle 400 Höhenmeter – eine sehr weise Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte.
Mein Rucksack fühlte sich gestern ziemlich leicht an und ich hatte schon gehofft, dass das auf eine gestiegene Muskelmasse zurückzuführen ist. Das einzige, was sich aber wirklich vergrößert, ist meine verzehrte Knödelmasse – und so hat der Rucksack heute wieder sein gefühltes Normalgewicht, wobei die Trinkvorräte für das warme Wetter voll gefüllt sind.

In Völlan geht es dann wieder auf den Romediusweg und es geht steil bergauf. Das Zwischenziel für heute ist die Gfrillner Alm auf 1838 Metern, das ist nochmal ganz schön knackig. Manche Passagen durch den Wald haben über 30 Prozent Steigung, die wir lamgsam, aber stetig mach oben klettern. Der Weg verläuft hauptsächlich im Wald, es gibt aber immer wieder Ausblicke auf die gegenüberliegenden Berge und das weite Etschtal.

Das Wetter ist heute herrlich sonnig, in der Höhe wird es dann aber zunehmend kühl, was bei den zu bewältigenden Anstieg aber sehr angenehm ist. Je mehr steile Passagen der Weg hat, desto mehr kommt mir die Überzeugung, dass dies die steilsten Passagen überhaupt sind, Christiane meint aber, es sei doch eigentlich alles wie immer.

Kurz vor der Alm stehen wir plötzlich auf einer Lichtung, es ist wie ein kurzer Stopp im Paradies. Wir legen uns für eine Weile ins Gras, über uns summt und brummt es, die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. In all den Geräuschen herrscht aber dennoch eine wunderbare Ruhe.

Mit müden Beinen kommen wir zur Kaffeezeit auf der Alm an und gönnen uns ein Stück Kuchen. Wir treffen hier oben nicht nur auf Kühe, sondern auch auf knuffige Schweinchen, sodass sich unser Repertoire der nicht-wilden Tiere auf diesem Pilgerweg noch etwas erweitert.

Als nächstes müssen wir zum Gampenjoch absteigen. Der Gampenpass war früher mal die Grenze zwischen dem Trentino und Südtirol, und wir merken auch, das alles Stück für Stück italienischer wird, auch wenn sich die Grenze heute etwas südlicher befindet und das Nonstal hier noch Deutsch-Nonstal heißt.

Auf dem Weg zum Gampenjoch müssen wir noch ein riesiges Geröllfeld überqueren. Hier scheint es irgendwann mal einen gewaltigen Rutsch gegeben zu haben, die Geröllmassen sind gigantisch und ziehen sich fast von der Laugenspitze steil bis ins Tal. Wir meistern den Weg aber problemlos.

Nach dem Pass geht es noch eine Stunde weiter gemütlich bergab bis in den alten Wallfahrtsort Unsere Liebe Frau im Walde (ja, so heißt die Kommune). Wir erblicken schon aus der Entfernung die Wallfahrtskirche und beschließen, dort einen Moment zu verweilen, bevor wir zu unserer Unterkunft gehen.

Die Kirche ist nicht besonders groß, aber sie hat eine ganz besondere Atmosphäre. Eine ganze Wand ist voller Bilder, Ikonen, Gemälden und Zeitungsartikeln, mit denen Menschen um Hilfe gebeten haben oder sich für Hilfe bedanken. Es ist spürbar, wieviel Bitten und Dank an diesen Ort getragen wurden und es ist eine besondere Verbundenheit spürbar.

Ich bin zutiefst dankbar, dass wir diesen Weg bis hier so gut und unbeschadet gehen konnten und so viel erleben durften. Nun haben wir noch zwei Etappen vor uns und bereits unzählige wunderbare Erinnerungen im Gepäck.
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