Vor 100 Jahren beschäftigten sich Wissenschaftler (nach allem, was zu lesen ist, waren keine Frauen dabei) mit den großen Fragen des Universums. Werner Heisenberg publizierte 1925 einen bahnbrechenden Artikel, in dem er die Grundlagen der Quantenmechanik beschrieb. Diese ist inzwischen zur Basis jeglicher uns heute vertrauten Technik geworden. Die Quantentheorie ist aber nicht nur technisch, sondern hat auch einen tiefen philosophischen Kern, der gleichzeitig fasziniert und die Welt auf den Kopf stellt, denn sie rüttelt auf das Äußerste an fundamentalen menschlichen Überzeugungen.

Und schließlich stellt die Quantentheorie Fragen, auf die bis heute keine abschließenden Antworten gefunden sind: Existiert eine objektive Realität, oder entsteht Realität erst, wenn jemand hinschaut? Ist unsere Welt vorherbestimmt – oder hält Gott eine ganze Menge Würfel in der Hand, die sie wieder und wieder wirft?

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums von Heisenbergs Publikation druckte die ZEIT ein Interview mit Anton Zeilinger, Physik-Nobelpreisträger und überzeugt, dass der Zufall eine der wirkmächtigsten Kräfte der Natur ist. Damit widerspricht er niemand geringerem als Albert Einstein, der sich sicher war, dass Gott nicht würfelt. Was Zeilinger neben diesen Überzeugungen im Interview zudem herausstellt: Es gibt Dinge, die können auch durch noch so genaues Messen nicht bestimmt werden. „Auf der untersten Ebene ist die Natur unscharf.“

Als ich im Sommer 2025 dieses Interview lese, beschäftige ich mich gerade mit Genderidentitäten und frage mich in diesem Zusammenhang, auf welche Seite Gottes Würfel da eigentlich bei mir gefallen sind. Zeilingers Vorstellung von der Unschärfe der Natur bleibt in meinem Kopf hängen. Sie lässt eine Idee in mir keimen: Betrachte ich die Gesellschaft als das Ganze, so entspreche ich als Individuum der „untersten Ebene“. Wäre es nicht völlig der Natur entsprechend, auch hier Unschärfen zu finden? Könnte nicht auch meine Genderidentität „unscharf“ sein?

Diese Idee beginnt immer wieder zu mir zurückzukommen. Wenn ich aus meinem Büro in den Flur trete, stehe ich einer Glasscheibe gegenüber, in der ich ein unscharfes Spiegelbild von mir sehe. Im Alltag bleibt nicht immer Zeit für einen bewussten Blick, doch hin und wieder bleibe ich für einen kurzen Moment stehen. Ich betrachte mein Gegenüber in der Glasscheibe, fühle, lächele und genieße die Unschärfe meines Spiegelbildes. Es liegt in den Zwischenräumen von weiblich und männlich und lächelt vorsichtig zurück. Dabei spüre ich, dass diese Unschärfe nichts Verzerrtes hat, ganz im Gegenteil. Mit ihren vagen Umrissen zeichnet sie präzise den Menschen, der ich fühle zu sein.

Der Gedanke an die Unschärfe begleitet mich einige Zeit und lässt mich Zeilingers Interview nach etlichen Wochen nochmals lesen. Die Website führt mich schließlich zu einem Artikel, der die 100-jährige Geschichte der Quantenphysik auf eine spannende und laienverständliche Art nachzeichnet. Ich liege in meinen Boardshorts auf der Wiese eines Badesees und arbeite mich gebannt durch die 16 Seiten des Artikels. Er eröffnet mir eine bahnbrechende Gedankenwelt, in der ich beginne, die Prinzipien der Quantenphysik auf meine Identitätsfrage zu übertragen.

(Für einen schnellen Einstieg in die Thematik empfehle ich neben dem Artikel ein kurzes Video zu Quantensuperpositionen, Doppelspaltexperiment und Schrödingers Katze, deutsche Untertitel sind verfügbar.)

Einzig das Konzept von Schrödingers Katze ist mir da bereits länger vertraut, jedoch ohne seine Entstehungsgeschichte: Dass Erwin Schrödinger mit seinem Gedankenexperiment über die Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist, aufzeigen wollte, wie paradox und schwer ergründlich die Quantentheorie eigentlich ist. Denn sie maßt sich an, die grundlegendsten Regeln des Universums zu beschreiben – bricht aber gleichzeitig fundamental mit dem, was wir Menschen aus unserer Alltagserfahrung heraus für möglich erachten.

Uns sind vor allem eindeutige physikalische Zustände vertraut: An, aus. Links, rechts. Hier, dort. Tot, lebendig. Die Quantenphysik zeigt, dass die kleinsten Bausteine des Universums in der Lage sind, mehrere Zustände gleichzeitig anzunehmen – Zustände, die sich unserer Vorstellung nach eigentlich gegenseitig ausschließen: An und aus. Hier und dort. Linksrum und rechtsrum. Tot und lebendig. Gleichzeitig. Es handelt sich dabei um Überlagerungen aller mathematisch denkbaren Zustände – sogenannte Superpositionen. Jedoch nicht als rein theoretische Realität, sondern als ein experimentell nachweisbarer Zustand.

Nachdem ich einige Absätze des Artikels ein zweites Mal gelesen habe, frage ich mich: Was, wenn nicht nur Elektronen eine Superposition einnehmen können, sondern auch männlich und weiblich in einer Überlagerung und Gleichzeitigkeit existieren könnten?

Quantensuperpositionen sind experimentell belegbar, zum Beispiel im Doppelspaltexperiment, wenn ein Elektron auf eine Wand mit zwei Spalten geschossen wird. Es zeigen sich Muster, die nur damit erklärbar sind, dass das Elektron die Wand durch beide Öffnungen gleichzeitig passiert hat – als Welle.

Wie die Elektronen dabei genau aussehen – das lässt sich leider nicht beobachten. Denn wenn die Menschen zuschauen, oder die Quanten mit ihrer Umgebung in Kontakt treten, sind sie sich für ihre Superposition zu fein. Sie kollabieren in einen ihrer theoretisch möglichen Zustände. Ihre Mehrdeutigkeit geht verloren, sie entscheiden sich für eine Option. An oder aus. Hier oder dort. Linksrum oder rechtsrum.

Während ich in dieses Gedankenkonstrukt eintauche, komme ich wieder auf die Gesellschaft als Makrokosmos zurück, in dem ich mich als Quanten-Individuum bewege. Ich finde großen Gefallen an der Idee, dass es sich mit meiner Genderidentität ähnlich verhalten könnte wie mit den Elektronen in ihrer Superposition. Denn die Natur verlangt keine Entscheidung für einen Zustand. Sie ist größer als die Binarität. Sie bietet den Raum, männlich und weiblich zugleich zu sein – in einer Art Superposition, ohne dass die jeweiligen Anteile exakt bestimmt und definiert werden müssten.

Nachdem ich gelesen habe, wie Elektronen sich als Welle verhalten können, um im Doppelspaltexperiment durch die beiden Öffnungen gleichzeitig zu schwappen, stelle ich mir auch meine Identität als Welle vor. Ich breite die Arme aus, lasse mich treiben von der Freiheit, alles sein zu können, von der Ungezwungenheit, der Souveränität, der Unabhängigkeit von den menschlichen Denk-Grenzen – und vielleicht auch ein wenig meiner eigenen.

Was wir aber wissen: Die Wellenfunktion der Elektronen kollabiert, wenn sie beobachtet wird. In Schrödingers Gedankenexperiment ist das der Moment, in dem er die Box öffnet und sieht, ob die Katze nun tot oder lebendig ist.

Auch mein Quanten-Ich wird im Alltag ständig in eine Beobachtungssituation gezwungen: Wenn ich auf einer öffentlichen Toilette vor zwei Türen stehe, muss ich mich in der Regel entscheiden, durch welche ich gehe. Wenn Menschen mich ansprechen, müssen sie entscheiden, ob sie es männlich oder weiblich tun. Und viel grundlegender: meist ist die erste Entscheidung, die wir in Begegnungen mit einem Menschen treffen, eine darüber, ob unser Gegenüber männlich oder weiblich ist.

Hier bekommt meine Analogie zur Quantenphysik leichte Brüche: Denn nicht der Zufall entscheidet darüber, in welchen der möglichen Zustände ich kollabiere. In der Regel sind es die erlernten gesellschaftlichen Zuschreibungen der Beobachtenden, die es tun. Kein Gott, kein Würfel.

Dennoch entdecke ich in meiner metaphorischen Übertragung eine unglaubliche Freiheit. Die Tatsache, dass eine Quantensuperposition zwar nachgewiesen werden kann, aber im Moment des Beobachtet-Werdens immer in einen ihrer möglichen Zustände kollabiert, wirft eine wichtige Frage auf: Was ist dann eigentlich die Realität? Das, was wir beobachten, was wir sehen können? Oder existiert bereits eine objektive Realität vor der Beobachtung?

Die quantenwissenschaftliche Debatte ist an dieser Stelle vielfältig und offen. Für meine Genderidentität drängt sich mir eine Antwort auf: Sie existiert, diese Realität vor der Beobachtung.

In meiner persönlichen, philosophischen Perspektive werde ich klarer, je tiefer ich in diese Gedankenwelt eintauche: Die Gender-Superposition ist für mich die objektive Realität. Wer mich als weiblich wahrnimmt (oder seltener als männlich), sieht nur einen kollabierten Zustand. Der ist nicht falsch, er ist lediglich unvollständig.

Ich gebe zu: Ich spüre die unglaubliche Freiheit und Souveränität, die sich daraus ergibt, nicht jeden Tag. Ich finde nicht immer das Gefühl der Superposition. Und manchmal „beobachte“ ich mich auch selbst. Dann sehe auch ich den Moment des Kollapses – reduziert auf einen verständlichen Zustand, manageable, einordenbar.

In diesem Sommer reift in mir aber eine klare Vorstellung, die bleibt, auch wenn sie emotional nicht immer greifbar ist: Eine Genderidentität in der Superposition ist für mich ein Raum voller Möglichkeiten. Sie fühlt sich vollkommen an und ist gleichzeitig nicht genau bestimmt. Sie ist weiblich und männlich und Vieles dazwischen. Die Superposition enthält für mich keine Negation, kein Ausschluss eines Zustands. Sie ist kein „ich bin keine Frau“ und auch kein „ich bin kein Mann“, sondern ein „ich bin“. Sie ist imstande, den größten Widerspruch meiner Seele aufzulösen und die beiden binären Zustände in mein Sein zu integrieren. Nicht zu gleichen, starren Anteilen, nicht in einer immer einheitlichen Erscheinung. Aber mit einem Gefühl von Vollständigkeit und Ganzheit.  

Und ich bin tief berührt, wenn sich Räume öffnen – wenn Menschen Räume öffnen – in denen ich nicht kollabieren muss. In denen ich nicht auf einen Zustand reduziert werde, sondern in meiner Überlagerung existieren darf – und wir uns auf der Welle begegnen können.

Schrödingers Katzenklo – gefunden in der Juki Gießen