Die Liebe ist der Herzschlag des gesamten Universums

Interrail #1

Es gibt grundsätzlich zwei Varianten, unsere Reisepläne nach Portugal zu erzählen, die von Flugscham und die von Zugstolz. Wobei das mit der Flugscham eigentlich niemand teilt. Ich wurde reichlich bemitleidet, wenn ich erzählte, dass wir nicht fliegen werden, es sind schließlich 2.500 km bis Lissabon. Wenn ich hingegen sagte, dass wir Interrail machen, waren viele recht begeistert von den Plänen.

Eines jedoch vorne weg, damit es nicht zu Missverständnissen kommt: Wir haben Interrail nicht grundsätzlich missverstanden. Interrail ist eine großartige Idee, mit dem Zug durch ganz Europa reisen, die Freiheit erleben und genießen, die uns auf diesem Kontinent geschenkt ist. Die Reisefreiheit ist heute gegenüber den Pre-Instagram-Zeiten allerdings etwas eingeschränkt, ein Interrail-Ticket bietet nur eine beschränkte Anzahl an Reisetagen innerhalb eines festgelegten Gültigkeitszeitraums. Zudem scheint Deutschland über die einzige Bahngesellschaft zu verfügen, die den Fernverkehr ohne Sitzplatzreservierung anbietet. Diese muss im Ausland zusätzlich zum Interrail-Pass erworben werden, teilweise mit limitierten Kontingenten. Das macht unter dem Strich eine Menge Einschränkungen, von denen man sich nur mit erheblichem finanziellen Spielraum freikaufen kann, eine Entwicklung gegen den europäischen Traum, wie ich finde.

Um unser Ziel – eine Hochzeitsfeier in Lissabon sowie eine rechtzeitige Rückkehr – gut zu erreichen, war eine solide Streckenplanung und -Reservierung also unabdingbar. Das widerspricht natürlich der Backpacker-Mentalität, für die Interrail eigentlich konzeptioniert ist, der Weg sei das Ziel und das europäische Schienennetz eine Institution der unbegrenzten Möglichkeiten. Das schien mir unmöglich, also wurde geplant.

Wir haben einen Interrail-Pass gewählt, mit dem wir an sieben Tagen innerhalb eines Monats Zug fahren können. Drei Tage bis Portugal, vier zurück. Dazu die Sitzplatzreservierungen für die ausländischen Hochgeschwindigkeitszüge, wir wollen ja voran kommen. Am Abend vor der Abreise habe ich das erste Herzklopfen bei dem Gedanken, dass der Zug von Gießen nach Frankfurt Verspätung haben könnte, Signalstörung oder sowas, man kennt das ja. Dann wäre es eigentlich unmöglich, planmäßig in Portugal anzukommen. Auf der anderen Seite freue ich mich riesig darauf, stundenlang aus dem Fenster zu schauen und die Landschaft zwischen Mittelhessen und der Algarve-Küste an mir vorbeiziehen zu sehen, eine tagelange Einladung zum Träumen, Reflektieren (z. B. meines Sicherheitsbedürfnisses), Dösen und Entspannen.

Auf dem Weg nach Frankfurt geht dann alles gut. Der ICE nach Paris Est steht bereit, eine Reise durch zwei Schienennetze. Wir tuckern mit 160 km/h bis Saarbrücken und noch ein kleines Stück weiter durch Frankreich, dann passiert endlich, was ich am Zugfahren in Frankreich so wahnsinnig faszinierend finde: Der ICE beschleunigt auf 316 km/h, es fühlt sich an, als hebt er gleich ab. Für einen Moment ist der Weg das Ziel und ich kriege das Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht.

Als wir nach Paris Est einfahren, packe ich meine Sachen zusammen, mein Handy – quasi meine digitale Reisezentrale – stecke ich an eine sichere, aber besonders leicht zugängliche Stelle an meinem Rucksack, damit es in der Metro auf dem Weg zum Gare Montparnasse greifbar ist. Offenbar befinde ich mich immer noch im Geschwindigkeitsrausch, denn wenige Minuten später suche ich am Ticket-Automaten der Metro verzweifelt mein Handy. Ich renne zurück zum Zug, renne zurück zum Automaten, an dem Christiane mit Seelenruhe versucht, mich zu beruhigen. Schließlich finde ich meine besonders gute Handy-Aufbewahrung am Rucksack wieder, bin von meinem Sprint und der Aufregung aber völlig am Ende.

Erholen kann ich mich in unserem nächsten Zug, den wir noch gut erreichen, der TGV von Paris nach Bordeaux. Auf einer vor einigen Jahren neu eingeweihten Hochgeschwindigkeitsstrecke dauert die Fahrt nur gut zwei Stunden, der Wahnsinn. Dabei wurde die Reisegeschwindigkeit aufgrund der großen Hitze bereits etwas reduziert. Als wir in Bordeaux ankommen, erhalten wir einen  realen Eindruck von der Hitze: Zwar ist es bewölkt, aber die Luft fühlt sich an wie bei einem Sauna-Aufguss, es sind über 40 Grad.

Trotz der Hitze verbringen wir einen entspannten Abend in Bordeaux. Ich freue mich, dass wir in Frankreich sind, auch wenn es nur ein kurzer Zwischenstopp auf dem weiteren Weg nach Süden ist. Und ich bin sehr gespannt, welche aufregenden Momente die folgenden Tage noch für uns bereithalten.

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2 Comments

    • Also ich wäre da ja eher für ein paar zusätzliche Expressbusse – aber da konnte ich mein Interrail Ticket nicht nutuen, das wäre natürlich ein Feature 😉

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